Das Christentum nimmt heute in Europa eine durchaus widersprüchliche Rolle ein: es ist "zugleich Wurzel und Fremdkörper", bewahre aber dennoch auch in modernen säkularen Gesellschaften seine Bedeutung als Motor der bürgerlichen Freiheit. Dies betonte der Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, bei einem Vortrag an der "Catholic University of America" (CUA) in Washington am Mittwoch, 3. Februar 2010.
"Obwohl es als fremdes Gebilde gesehen wird, ruft es noch immer ein Gefühl von Heimat und Nostalgie für viele in Europa hervor", stellte der Wiener Erzbischof fest. "In Europa gibt es eine zunehmende Zahl an Menschen, die, nachdem sie einen völlig säkularen Lebensstil geführt haben, einen Weg zu einem bewussten christlichen Glauben finden. Sie beschreiben die Entdeckung des Christentums als einen 'Weg nachhause'", so der Kardinal.
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Zweifel seien laut Kardinal Schönborn an der weit verbreiteten These angebracht, dass Freiheit und Humanität dem Kampf gegen die Kirche und gegen das Christentum zu verdanken seien. Vielmehr könne man im Gegenteil heute davon ausgehen, dass das Christentum auch heute noch eine wesentliche Triebfeder für Freiheit und Humanität darstelle. So sei es die "doppelte Staatsbürgerschaft" des Christen, die das Christentum immer schon zum "verhassten Gegner aller totalitärer Regime gemacht hat" - denn der Christ sei frei von aller allein weltlichen Macht, da er immer auch "eine Heimat im Himmel" habe. Die Übernahme von innerweltlicher Verantwortung und der Einsatz für Humanität resultiere aus dieser "doppelten Staatsbürgerschaft".
"Niemals zuvor kam die christliche Freiheit klarer zum Ausdruck als in den Zeiten des Faschismus, Kommunismus und Nazismus des vergangenen Jahrhunderts, als authentische Christen Zeugnis ablegten in Millionen von Martyrien", so der Kardinal. Die Idee, dass der Mensch Gott folgen müsse, bevor er dem Menschen folge, habe einen "enormen Moment der Freiheit" bewirkt.
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Heute biete das Christentum eine "faszinierende Alternative" zu einer säkular entleerten Gesellschaft: "Es bietet Freiheit von den Anforderungen des Mainstreams, von jeder Form bloßer political correctness und vom Druck kurzfristig aufflackernder Moden", betonte Kardinal Schönborn.
Eine Aufbruchsbewegung sei auch heute noch vom Christentum zu erwarten, so der Kardinal weiter. Markierte die Klosterreform von Cluny vor 1.100 Jahren einen Wendepunkt für Europa, dass in der Folge von einem Netz von über 4.000 Klöstern überspannt wurde, von denen "enorme wirtschaftliche, soziale, künstlerische und spirituelle Impulse" ausgingen, so könne man heute etwa hoffnungsvoll auf die geistlichen Erneuerungsbewegungen blicken. Diese sendeten heute "sehr vitale Zeichen" des Aufbruchs.
Dennoch genüge dieser spirituelle Aufbruch allein nicht. Vielmehr benötige das Christentum laut Kardinal Schönborn immer auch die "kritische Stimme des säkularen Europas" als Herausforderung. Es tue dem Christentum gut, so der Erzbischof von Wien, "die Fragen der säkularen Gesellschaft ernst zu nehmen und als Herausforderung zu betrachten". So könne die Säkularität gleichsam als Weckruf für ein neues, "authentisch gelebtes Christentum" verstanden werden.
Europa
und Amerika sollen nicht auseinander driften
Beeindruckt
von der Vitalität des amerikanischen Katholizismus
(red/KAP)