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- 02.09.10

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Als Kirche und Sozialdemokratie um die Seelen rangen
© ÖNB/ Wien, BildarchivDas Wien Museum beleuchtet im Künstlerhaus die Zwischenkriegszeit in Österreich und deren weltanschauliche Bruchlinien. "Kampf um die Stadt - Politik, Kunst und Alltag um 1930" lautet der Titel der Ausstellung.

"Kampf um die Stadt - Politik, Kunst und Alltag um 1930" lautet der Titel einer historischen Groß-Ausstellung des Wien Museums, die die Zeit zwischen den mittleren Zwanziger- und Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts in Österreich darstellt und dabei auch religiöse Aspekte aufgreift: Der von kulturkämpferischen Tönen begleitete "Kampf um die Seele" illustriert das damalige Ringen zwischen Kirche und Sozialdemokratie um Einfluss auf Gesellschaft und Individuen.

1.800 Exponate

© Wien Museum
Die Ausstellung "Kampf um die Stadt" ist bis März 2010 zu sehen.

Dieses Ringen konkretisierte sich laut dem Direktor des Wien Museums, Wolfgang Kos, der die Ausstellung selbst kuratierte, unter anderem in Konfliktfeldern wie dem Streit um Schulkruzifixe, in Bestrebungen zu einer Entkriminalisierung von Abtreibung und Homosexualität oder bei der Einschätzung von Kunstwerken wie Ernst Kreneks 1928 uraufgeführter Oper "Jonny spielt auf".

Die interdisziplinäre Schau des Wien Museums dauert von 19. November 2009 bis 28. März 2010 und erstreckt sich auf etwa 2.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche mit rund 1.800 Exponaten über beide Geschosse des Künstlerhauses.

Zwischen Demokratie und Diktatur

© Wien Museum
Permanente Aufmärsche, um das öffentliche Territorium für sich zu beanspruchen, prägten den Alltag.

Wie Wolfgang Kos am Mittwoch, 18. November 2009, bei einer Pressekonferenz betonte, war diese Phase der Ersten Republik geprägt vom "unversöhnlichen Gegenüber von bürgerlich-katholischem Rechtsblock und Sozialdemokratie", und in der in der Ausstellung beleuchteten Zeitspanne sei der Ausgang der ideologischen Konflikte noch nicht entschieden gewesen. Den Besuchern solle ein Zeitgeschichte- und Kulturpanorama jener entscheidenden Jahre geboten werden, "als die Zukunft der jungen Republik auf der Kippe stand, zwischen Demokratie und Diktatur, zwischen Aufbruch und Reaktion". Wirtschaftskrisen hätten faschistoide und antisemitische Tendenzen begünstigt, Gewaltbereitschaft und aggressive Agitation bestimmten das Klima. "Ab 1927 herrschte ein latenter Bürgerkrieg. Die Politik hat Tote in Kauf genommen und die Auseinandersetzung war von einer gnadenlosen Intoleranz geprägt", so Kos.

Kampf ums christliche Abendland

Permanent sei aufmarschiert worden, um öffentliches Territorium zu okkupieren. Protagonisten waren die christlich-soziale Heimwehr, der sozialistische Schutzbund, die Nazitruppen - und, wie die Ausstellung zeigt, auch die katholische Kirche: Der "Allgemeine Deutsche Katholikentag" des Jahres 1933 wurde auf dem Heldenplatz als Kampf des christlichen Abendlandes gegen den antichristlichen Bolschewismus inszeniert, mit Machtsymbolik und "Marketingprodukten" bis hin zur speziell zum Katholikentag produzierten Zigarrenmarke "Pontifex Maximus".

Wurden Mitte der Zwanzigerjahre mit Slogans wie "Heraus aus der Kirche!" noch Tausende zum Kirchenaustritt animiert, kehrte sich dieser Trend in den Dreißiger Jahren um: Traten 1933 noch rund 2.000 Menschen wieder in die katholische Kirche ein, so stieg diese Zahl - wie in der Schau aufgelistet wird - im Jahr darauf auf bemerkenswerte 33.000. In dieser Zeit wurde auch der Streit um die schulische Erziehung zugunsten der Kirche entschieden: Das Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und der von Engelbert Dollfuß regierten Republik im Jahr 1933 führte Religionsunterricht wieder als Pflichtgegenstand in den Schulen ein, der Staat anerkannte die kirchliche Eheschließung und Ehegerichtsbarkeit.

Nicht nur Hort des Konservativismus

In der Ausstellung erscheint die Kirche aber nicht nur als Hort des Konservativismus, der der christlich-soziale Kanzler Prälat Ignaz Seipel auftrug: "Wir müssen unsere Bastionen mit allen Mitteln halten." Platz bekommt auch die von den beiden Theologen Karl Rudolf und Michael Pfliegler gegründete katholische Jugendbewegung "Bund Neuland", die sich auch als innerkirchliche Erneuerungsbewegung verstand und als erster katholischer Verein die Unvereinbarkeit der Mitgliedschaft im Neuland mit dem Nationalsozialismus erklärte.

(red/KAP)

19.11.2009


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